Hat der Musikus eine Mama?

Über einen Nachmittag in Wenden und einen Workshop in Coesfeld

„Hat der Musikus noch eine Mama?" Eine interessante Frage. Der Musikus ist eine kleine Puppe, allerdings keine der gewöhnlichen Art. Sie hat einen enormen Einfluss auf Kinder. Kaum steckt sie ihren Kopf heraus, sind sie leiser oder auch lauter. Je nach Bedarf. Als Familienvater fragt man sich, ob man sich nicht einen Musikus anschaffen sollte. Das mit dem Lauter-werden würde sicherlich problemlos funktionieren, so die düstere Ahnung. Dieser Musikus ist in Wenden-Altenhof zu Hause. Genauer gesagt im Familienzentrum Kleine Strolche. Der Leser wird es ahnen: Diese Puppe wird keine Mutter haben. Dafür eine Regisseurin, die mit sicherer Hand den Kindern Musik näher bringt. Sie heißt Dorothee Frohnenberg und ist im Familienzentrum für das im August vergangenen Jahres begonnene Musikus Projekt verantwortlich, gemeinsam mit Kristina Stahl vom Musikverein Altenhof. Frau Stahl betreut darüber hinaus im Familienzentrum eine Blockflötenklasse. Die Entstehung dieses Musikus Projektes in Wenden ist bemerkenswert. Der Vorsitzende des Familienzentrums, Michael Wurm, ist gleichzeitig Tubist im Musikverein. Er kam auf die Idee und fand in den beiden Frauen zwei aktive Mitstreiterinnen.

„Kein Vormittag ohne Musik"
Nun ist ein Tag im Kindergarten für Drei- und Vierjährige anstrengend. Da lässt nachmittags die Konzentration schon einmal nach. Umso bemerkenswerter ist es wie es die beiden Frauen vermochten, die Kinder bei der Stange, sprich dem Musikus zu halten. Allerlei Tiere machten mit - der Delphin Dennis, der Elefant Egon oder der Affe Alfredo. „Was passiert", so Dorothee Frohnenberg, „wenn alle Tiere ein Instrument nehmen und spielen?". Das Chaos und was fehle daher - ein Dirigent! So wird den Kindern der Unterschied zwischen gemeinsamem Musizieren und Krach vermittelt. Frau Frohnenberg nutzt die in unserem Handordner vorgestellten Instrumente - Kleine Trommeln, Schlaghölzer, Schellen oder Triangeln. Tanz und Gesang gehören natürlich dazu, zur Freude der Kinder. Die Erzieherin betrachtet den Musikus allerdings nicht nur als isolierten Unterricht einmal die Woche, obwohl das Familienzentrum drei altersgemäße Gruppen hat: Die Ohrwürmchen, das sind die ganz Kleinen. Tönepiraten heißen die Fünf- und Sechsjährigen. Schließlich gibt es noch die Flötenkinder für die Älteren bis zur Grundschule.

Musik wird ganzheitlich betrachtet
Es gelte der Grundsatz, so Frau Frohnenberg im Gespräch: „Kein Vormittag ohne Musik." Tanzen, Singen, Bewegung - Musik wird ganzheitlich betrachtet. Das ist bekanntlich auch das Ziel unserer musikalischen Frühförderung. Wir wollen den Kindergärten Tipps geben wie sie die Musik in ihren Alltag integrieren können. Im Familienzentrum Wenden-Altenhof geschieht das schon auf eine hochwertige Weise: Dank des Engagements von Dorothee Frohnenberg und Kristina Stahl. Wie geplagte Familienväter den Musikus nutzen können, blieb an diesem Novembertag übrigens ungeklärt. Aber es kann ja nicht auf alle Fragen gleich eine Antwort geben. Für Ende Juli plant man aber in Wenden-Altenhof eine große Veranstaltung. Der Anlass ist das 40jährige Jubiläum des Elternvereins des Familienzentrums. Crescendo-Flair wird dann noch einmal nachfragen.

„Man wundert sich über die Fähigkeiten der Unter-Dreijährigen"
Ortswechsel. Coesfeld an einem Samstagvormittag. In der örtlichen Musikschule treffen sich fünfzehn Erzieherinnen zu einem Workshop des VMB NRW und der Musikschule Coesfeld. Christa Enseling-Korkusuz ist die Leiterin. Das Thema ist Musikus - und damit die Frage wie man musikalische Früherziehung im Kindergarten machen kann. Offenkundig findet unser Projekt ein breites Interesse. Einige Frauen haben über Kolleginnen vom Workshop gehört, andere davon in der Zeitung gelesen oder im Internet recherchiert. Eine Kollegin kam sogar aus Melle in der Nähe von Osnabrück. Die Bedeutung dieses Themas muss heute eigentlich nicht mehr groß erklärt werden. Sie ist unbestritten. Warum das so ist? „Musik passt", so Christa Enseling-Korkusuz, „weil es gerade nicht auf die Fähigkeiten zu Lesen, Schreiben oder Rechnen ankommt." Fertigkeiten, die heute schon bisweilen auf den Lehrplänen von Kindergärten stehen. Musik setzt dagegen an den natürlichen Begabungen der Kinder an - etwa dem Bedürfnis nach Bewegung. „Man wundert sich über die Fähigkeiten der Unter-Dreijährigen", so fasst die Autorin des Musikus Handordners ihre Erfahrungen mit den ganz Kleinen zusammen. Aufschlussreich war die Zusammensetzung des Workshops. Hier kamen Erzieherinnen mit völlig unterschiedlichem musikalischem Hintergrund zusammen. Das Spektrum reichte von einer Erzieherin mit Klavier- und Gesangsausbildung bis zu einer Kollegin ohne große Vorkenntnisse. „Ich kann zwar keine Noten lesen", meinte sie, aber „es hat mir schon immer Spaß gemacht mit den Kindern zu singen." Ihre Motivation zur Teilnahme an dem Seminar beschreibt sie so: „Ich hoffe wie man darüber hinaus mit den Kindern musikalische Frühförderung machen kann."

„Mir fehlt der Mut, Musik zu machen."
So formulierte es eine Erzieherin. „Wir machen einfach zu wenig in der Kita", so beschreibt es eine andere Teilnehmerin in Coesfeld. Oder es bleiben die durchaus vorhandenen Musikinstrumente ungenutzt, so die Erfahrung ihrer Kollegin. Das ist das Ziel des Musikus Projektes: Den Kindergärten zu helfen, ihre Hemmschwellen bei der Musikerziehung abzubauen. Das ist in Coesfeld gelungen. Es wurde getanzt und gesungen. Oder die Frage beantwortet wie man Geschichten verklanglichen kann. „Das Schwierige in der Umsetzung mit den Kindern", so der Ratschlag der Kursleiterin Enseling-Korkusuz, „ist nicht das Spielen, sondern dass die Kinder die Pausen einhalten." Deshalb solle man vorher auf die Verteilung der Rollen besonders viel Wert legen. Eine Einführung in das Instrumentarium der musikalischen Früherziehung gab es auch. Klanghölzer etwa haben viele Vorteile: Sie sind nicht teuer, vielseitig verwendbar - und vor allem „unkaputtbar". Keine Frage: Der letzte Punkt ist sicherlich nicht zu unterschätzen. Und wie bringt man den Kindern die Klassik näher? Über Vivaldis „Vier Jahreszeiten", so Frau Enseling-Korkusuz. Dort findet man die Stimmungen, die Musik zum Ausdruck bringt: Sei es Traurigkeit oder sei es Fröhlichkeit. Kinder bemerken das.

Von Traurigkeit kann in Coesfeld keine Rede sein. Die gute Stimmung ist den ganzen Tag zu spüren gewesen. Alle waren mit Engagement und viel Spaß bei der Sache. Aber es wird auf die spätere Umsetzung im Kindergarten-Alltag ankommen, so meinte es am Ende eine Teilnehmerin. Man will diesen Workshop zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen, um über die Erfahrungen in der Praxis zu reden. Man darf in der Beziehung optimistisch sein, so der Eindruck nach diesem Workshop.

 
Frank Lübberding
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