Wiedererkennen ist Wohlbefinden

Interview DER ZEIT mit Udo Jürgens - 30.08.2010

Der Komponist und Sänger Udo Jürgens erklärt, wie seine Lieder funktionieren - und warum ihm selbst noch beim 100. Konzert die Tränen kommen. Das Interview der Zeit dürfen wir hier veröffentlichen.

DIE ZEIT: Herr Jürgens, hat Lena den Eurovision Song Contest verdient gewonnen?

Udo Jürgens: Ein Mädchen wie die hätte das Telefonbuch singen können. Ihre Ausstrahlung an diesen Tagen war einfach überwältigend, da kam es nur darauf an, wie sie gelächelt hat, wie sie rauskam, dass der Rhythmus gestimmt hat und dass sie sich so wunderbar zickig bewegt hat.

ZEIT: Sie waren sogar jünger als Lena, als Sie Ihren ersten Grand Prix gewonnen haben. Was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen Udo damals und Lena heute?

Jürgens: Wir haben damals tollen Musikern aus Frankreich und Italien nachgeeifert. Bei meinem Lied Je t’aime war gleich der erste Akkord ein verminderter – vollkommener Schwachsinn, da muss man erst mal drauf kommen! Ich habe gedacht, ich muss gleich zeigen: Ich verstehe was von Musik. Heute kehrt man Schritt für Schritt zur Infantilität zurück. Die Lieder haben immer weniger Harmonien, Rap-Songs haben zum großen Teil nur noch eine Harmonie. Nur noch einen Groove, der wird aus der Maschine geholt, dann lege ich so einen Jazzakkord drüber, und dazu redet einer. Und ein Mädchen macht uuuuuh. Ich bin ein Anhänger des Quintenzirkels.

ZEIT: Vielleicht sind aber 550 Jahre Quintenzirkel irgendwann einmal an ihr Ende gekommen.

Jürgens: Ich sage das ja auch nicht verächtlich, ich bewundere das eigentlich sogar, und ich glaube, es gibt in ganz Deutschland keinen einzigen Menschen, der so viel Ahnung vom Showbusiness hat wie Stefan Raab. Der ist sehr musikalisch, der hört einen Song und weiß genau, was Sache ist.

ZEIT: Sie haben die klassische Harmonielehre noch am Salzburger Mozarteum gelernt.

Jürgens: Ich war da nicht ordentlicher, sondern unordentlicher Schüler. Weil ich etwas getan habe, was damals verboten war: Ich habe in einer Bar gespielt. Aber dadurch hatte ich den anderen Schülern auch schon einiges voraus. Ich habe andere harmonische Wendungen gefunden als die, die im Unterricht gelehrt werden. Das ist eine Spezialität von mir. In meinen Liedern sind kleine versteckte Kostbarkeiten drin, auf die mich Musiker ansprechen: Mensch, der Übergang ist aber wirklich ungewöhnlich!

ZEIT: Können Sie uns anhand eines Ihrer großen Hits erklären, wie Ihre Lieder wirken?

Jürgens: Nehmen wir Ich war noch niemals in New York. Das ist eigentlich eine Kurzgeschichte: Ein Mann hat die Schnauze voll, zu Hause schreit das Baby, die Frau meckert, und er sagt: Ich gehe mal eben Zigaretten holen. Dann denkt er sich: Mensch, ich habe die Kreditkarte in der Tasche, ich könnte jetzt zum Flughafen fahren und abhauen… So eine lange Geschichte in einem Lied, das ist eigentlich verrückt.

ZEIT: Und warum mögen das die Leute?

Jürgens: Weil ich es in der Art, wie ich es vertont habe, verständlich gemacht habe. Das Lied ist aufgeteilt in drei musikalische Themenkreise. Erst eine wiedererkennbare Melodie mit der Mundharmonika, die vier Takte dauert (singt). Die hat eine ganz große Funktion: Mundharmonika klingt immer einsam. Ich habe lange darüber nachgedacht, soll ich eine Flöte nehmen oder eine Oboe, aber Oboe ist zu intellektuell. Dann kommt die Erzählung der Strophe mit einer ausgearbeiteten Bridge, ziemlich komplexe Harmonien. Und dann der volkstümliche Refrain, den jeder mitsingen kann (singt): »Ich war noch niemals in New York…«

ZEIT: Ist der musikalisch anspruchsvolle Udo Jürgens der in den Strophen?

Jürgens: Ich würde sagen: In den Strophen versuche ich das zu zeigen, was der Komponist draufhat. Im Refrain versuche ich das zu geben, was dann letztlich den großen Erfolg ausmacht. Das hat George Gershwin auch getan.

ZEIT: Beim wievielten Mal hat ein Hörer Ihren Refrain verinnerlicht?

Jürgens: Wenn der Refrain gut ist, beim zweiten Mal. Er freut sich schon im Unterbewusstsein, wenn der Refrain das zweite Mal kommt. Das ist ein ganz wichtiges Gefühl. Was da chemisch vorgeht, weiß ich nicht, aber es ist ein Wohlbefinden. Wiedererkennen ist immer Wohlbefinden.

ZEIT: Singt das Publikum auch die komplizierteren Sachen immer sauber mit?

Jürgens: Immer. Da sind die alle da, beim ersten Mal schon.

ZEIT: Und wie ist das für Sie?

Jürgens: Toll. Du kriegst eine Bestätigung, dass ein Lied den Leuten total unter die Haut gegangen ist, und das ist für den Komponisten fast ein Adelsschlag.

ZEIT: Bei jedem Volksfest spielt die Band mindestens zwei Ihrer Lieder.

Jürgens: Auf dem Oktoberfest spielen sie acht bis zehn Stücke von mir. Wenn die Leute bei Griechischer Wein oder Aber bitte mit Sahne auf die Bänke steigen, dann sitze ich irgendwo in der Ecke und steige innerlich mit auf die Bank. Mitten rein kann ich ja leider nicht gehen.

ZEIT: Dann ist es Ihnen auch egal, ob die Band schlecht ist?

Jürgens: Vollkommen wurscht.

ZEIT: Das Beunruhigende an Ihnen ist ja, dass Sie sich über die Jahrzehnte kaum verändert und eigentlich keine extravaganten Faxen gemacht haben. Das einzig Frivole ist der Schluss Ihrer Konzerte, wenn Sie nur im Bademantel auf die Bühne kommen.

Jürgens: Ja, ich bin leidenschaftlich auf der Bühne. Engagierte Musik löst ähnliche Emotionen aus wie Fußball.

ZEIT: Wenn die Schweiz gegen Spanien spielt, dann weiß man vorher nicht, dass die Schweiz 1:0 gewinnen wird. Aber bei Ihnen weiß man ja, wie es ausgeht. Was sind denn da die unterschiedlichen Emotionen?

Jürgens: Beim Sport ist es der augenblickliche Kick und das Erlebnis einer Mannschaft. So stark Boris Becker in Wimbledon war, 17 Jahr, blondes Haar, mit einer Mannschaft kann sich eine Nation stärker identifizieren als mit einem Einzelnen.

ZEIT: Könnte das, was die deutsche Mannschaft in ihren besten Momenten mit ihren völlig unvorhersehbaren Doppelpasskombinationen gezeigt hat, etwas Ähnliches sein wie eine ungewöhnliche Harmonik?

Jürgens: Selbstverständlich. Es ist eben das, was man nicht erwartet. Und so wie man sich an Gerd Müllers Tor bei der WM von 1974 noch in 20 Jahren erinnern wird, so sind einige meiner Lieder unvergessen, jedes Kind kann die heute noch. Was ich dir sagen will kennt jeder Japaner.

ZEIT: Als Sie den Schlusspunkt unter eins von diesen Liedern gesetzt haben – wussten Sie dann schon: Das wird erfolgreich sein?

Jürgens: Beim Griechischen Wein war ich relativ sicher, dass das was Großes werden könnte. Ganz sicher war ich bei Aber bitte mit Sahne. Ich war noch niemals in New York dagegen ist der unvorhergesehenste Hit, den ich je hatte. Das habe ich 1989 veröffentlicht, und zwölf Jahre später ist es ein Hit geworden. Studenten in Freiburg begannen das zu spielen, dann wurde es in Österreich in den Skihütten aufgelegt, und heute ist es der Titel eines Musicals.

ZEIT: Wenn Ihre Fans eine Gemeinde sind, was sind Sie dann?

Jürgens: Ich mache Lieder, um mir selbst zu helfen. Ich habe vor vielen Dingen im Leben Angst, ich habe Angst, wenn ich sehe, dass Öl ins Meer fließt. Aus meiner persönlichen Lebenserfahrung weiß ich, dass ich diese Angst, die zeitweise zu Schlafstörungen geführt hat, am besten bewältige mit dem, was ich tue, nämlich Musik machen.

ZEIT: Das heißt, ein gutes Stück ist im doppelten Sinn therapeutisch: für Sie selbst und fürs Publikum.

Jürgens: Ich wäre ohne die Musik schon längst entweder im Irrenhaus gelandet oder grausam im Leben gescheitert, denn ich verfüge nicht über große Fähigkeiten. Kriminell hätte ich auch nicht werden können, weil ich zu viel Schiss habe…

ZEIT: Was glauben Sie, was irgendwann in Ihren Nachrufen stehen wird?

Jürgens: Es ist vollkommen unwichtig, wann einer stirbt – der Mensch stirbt dann, wenn der Letzte tot ist, der sich an ihn erinnert. Aber im Augenblick leben wir in einer Zeit, wo man sich nicht vorstellen kann, dass irgendwas überlebt. Ich glaube nicht, dass man sich einen heute großen Rap-Sänger in 20 Jahren noch anhören wird. Weil die Melodik fehlt und die Harmonik. Das sind die beiden Elemente, die die Emotion erzeugen. Und was keine Emotion erzeugt, kann nicht bleiben.

ZEIT: Sie haben eigentlich immer versucht, genau auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch zu wandern.

Jürgens: Wir müssen uns trennen von den Begriffen Kitsch und Banalität, all das gehört zu unvergänglicher Musik dazu. Gott sei Dank habe ich auch ein bisschen Lieschen Müller in mir, Volkstümlichkeit, und habe auch ein harmonisches Wissen, das ich anwende, und all das verdichtet sich zu dem, was ich musikalisch ausdrücke. Die gesamte italienische Opernliteratur ist auch Kitsch. Schlechte Bücher, miserable Abläufe, Sterbeszenen, über die man lachen muss – aber eine Musik, die uns aufwühlt und emotional zutiefst berührt. Komponiert von Genies.

ZEIT: Die große Szene in dem Film E.T., die mit dem Finger: »Nach Hause telefonieren!« – ist das Kitsch?

Jürgens: Wer da nicht weint, dem kann man nicht mehr helfen. Gott sei Dank haben wir Reaktionen in uns, die über das Nachdenken hinausgehen. Deshalb bin ich so glücklich, dass ich einen Beruf habe, wo ich das auslösen kann, ohne darüber nachzudenken.

ZEIT: Sie machen ja meistens zuerst die CD, dann gehen Sie damit auf Tour. Wenn Sie ein Lied zum ersten Mal vor 2000 Leuten singen, ist das noch mal etwas anderes?

Jürgens: Das ist ein ganz spannender Augenblick, und eigentlich lernt man selbst das Lied dann erst kennen, wenn man es vor Publikum spielt. Dann merkt man zum Beispiel, dass man es in einem anderen Tempo spielen muss, weil sonst die Textverständlichkeit leidet. Auf der kommenden Herbsttournee werde ich ein oder zwei Stücke spielen, die noch nicht produziert sind. Da werde ich sicherlich einiges draus lernen.

ZEIT: Muss man den Sachen auch emotional noch einen ganz anderen Kick geben?

Jürgens: Klar, das ist eine ganz andere Situation.

ZEIT: Müssen Sie die Emotion in Ihren Stücken jedes Mal selber fühlen, wenn Sie sie singen?

Jürgens: Ich sehe unten erwachsene Männer und Frauen in Tränen aufgelöst – dann packt es mich selbst auch. Mir passiert es, dass ich Tränen in den Augen habe und Probleme, die Töne zu kontrollieren, weil es im Moment zu stark wird.

ZEIT: Sie müssen also auch beim 100. Konzert der Tournee eher Ihr Gefühl bremsen, als dass Sie sich noch mal emotional peitschen müssen?

Jürgens: Absolut, ich muss mich wirklich im Zaum halten.

ZEIT: Man sagt doch immer, der Künstler ist für seine eigene Emotion nicht zuständig, er muss die Emotionen unten auslösen.

Jürgens: Ach, das ist mir egal. Ich habe es ja nicht in der Schauspielschule gelernt, sondern durch die eigene Erfahrung.

ZEIT: Ist Emotion bei Ihnen immer an einen Text gebunden, oder kann auch eine Melodie alleine so einschlagen, dass Sie sagen: Tolles Stück?

Jürgens: Das Tolle an Liedern ist, dass sie immer aus Text und Musik bestehen, Hirn und Herz ansprechen. Oft stört der Text die Musik oder umgekehrt. Wenn aber ein guter Text und die passende Musik zusammenkommen, dann löst das die stärksten Emotionen aus.

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